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MARLIS SPIELMANN

MARLIS SPIELMANN


Die Arbeitsweise Marlis Spielmanns zeugt von einem experimentierfreudigen und unbefangenen Umgang mit Materialen und Techniken. Mit Nadel und Faden, Schere und Papier sowie Pinsel und Palette schafft sie Werke mit Humor und Tiefsinn. In ihren Scherenschnitten, Stickbildern, Malereien und Objekten steht die menschliche Figur im Vordergrund. Ereignisse der unmittelbaren Umgebung, eigene Beobachtungen und Erfahrungen sowie der Phantasie entsprungene Bilder fliessen ineinander.

Mit ihren klein- und grossformatigen Scherenschnitten – eine Gestaltungsform, die innerhalb des zeitgenössischen Kunstschaffens seit den 1990er Jahren eine Renaissance erlebt – spürt Spielmann dem weiblichen Lebensgefühl nach. Fernab volkstümlich verklärter Motive wie Bauern oder Kühe schneidet sie Mädchen mit Luftballons, barbusige Blondinen in Strapsen oder junge Frauen in luftigen roten Kleidchen und Stöckelschuhen, kombiniert mit Tieren und Pflanzen, aus dem Papier heraus. Bedingt durch die typische Faltung der Symmetrieachsen beim Scherenschnitt halten sich die Figuren an den Händen und scheinen freudvoll zu tanzen. Dank der Bemalung mit Acrylfarbe entfalten die Kunstwerke eine harmonische Eleganz und dreidimensionale Wirkung, wodurch sie aus der Ferne betrachtet, Assoziationen mit textilen Objekten wie Orientteppichen wecken.

Spielmann arbeitet kontinuierlich in Serien. In der Reihe Schönheits-OP (2017), die Frauen mit Botox-Spritze oder einbandagierten Körperteilen zeigt, reflektiert die Künstlerin mit blutrotem Faden auf Baumwollstoff pointiert die Sehnsucht nach einem jugendlichen Aussehen und dem damit verbundenen (fragilen) Gefühl des Glücklichseins. Ebenfalls um gestickte Bilder, obwohl auf den ersten Blick an zarte Bleistiftzeichnungen erinnernd, handelt es sich bei der Werkgruppe Nachbarn (2009), in der Spielmann ihre Hausbewohner nicht im Jetzt-Zustand porträtiert, sondern so, wie sie sich diese als Kinder vorstellt. Die Figuren wirken traumtänzerisch und unschuldig, sie rufen die Kindheit als eine Phase des Unbeschwertseins in Erinnerung. Aussergewöhnlich ist der Bildträger der Serie Mein Tagebuch (2013/2014): Mit schwarzer Plusterfarbe hält Spielmann Momente des alltäglichen Lebens graphisch auf weissen Putzschwämmen fest, die im Backofen gebacken werden, um anschliessend die gezogenen Linien mit einem Küchenmesser Schicht für Schicht freizulegen.

Es sind zeitintensive Techniken, denen sich Spielmann bedient. Das Anfertigen von Scherenschnitten, Stickbildern und „gebackenen Putzschwämmen“ erfordert viel Geduld und besitzt kontemplativen Charakter. Mit ihren Arbeiten setzt sie einen Gegenpol zu unserer von Hektik und Schnelllebigkeit geprägten Gegenwart, wodurch die Betrachtenden zum (visuell geniesserischen) Innehalten angeregt werden. 

Die 1953 in Buchs, Kanton St. Gallen, geborene Marlis Spielmann begann ihre künstlerische Laufbahn mit dem Besuch von Kursen an der Kunstgewerbeschule in Zürich. Ausserdem bildete sie sich an der Internationalen Sommerakademie für Bildende Kunst Salzburg weiter und absolvierte von 1998 bis 2001 den Studiengang Bildende Kunst an der Zürcher F+F Schule für Kunst und Mediendesign. Ihre Werke werden in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland gezeigt, wie zuletzt im Frühjahr 2018 im Rahmen der Sino-Swiss Art Exchange Exhibitionim Bobao Art Museum in Peking und im Wenlin Art Museum in Kunming. Für ihr Schaffen erhielt sie wiederholt Auszeichnungen und Stipendien. Spielmann lebt und arbeitet in der Nähe von Zürich.